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05.September 2005

Bericht von Ingrid Schäffeler

"Lass Dich nicht von Deinen Ängsten daran hindern, Deine Träume wahr zu machen!"
(Sergio Bambaren, peruanischer Schriftsteller)

Also saß ich zusammen mit Sonja am 21. Februar diesen Jahres im Flugzeug, um nach Lima zu fliegen, wo wir fast 4½ Monate lang im Centro "Vida Nueva" als Physiotherapeutinnen arbeiten würden.
Voller Vorfreude warteten wir darauf, dass unser Flugzeug endlich vollständig enteist wurde und es los gehen konnte.

Nach etlichen Stunden waren wir schließlich da, wobei bereits beim 2. Flugteil von Atlanta nach Lima eine ganz andere Atmosphäre herrschte als zuvor. Und bei den in Lima herrschenden Temperaturen erschien es uns schon sehr schnell unvorstellbar, am Tag zuvor noch bei Schnee und Minusgraden in Deutschland gewesen zu sein.
Am Flughafen wurden wir bereits von Tobias und Christina, den beiden derzeitigen Voluntären erwartet, und mit dem Taxi rasch nach Santa Clara kutschiert.

So waren wir in einer völlig anderen Welt gelandet, einiges war uns jedoch schon durch Erzählungen und von Fotos früherer Voluntärinnen vertraut.
Dennoch waren wir heil froh, dass uns Tobi und Tine in den nächsten Tagen auch zeigten, wie man sich hier zu Recht findet:
Wo es Frühstücksbrötchen gibt, wo süße Pastelles; das schnellste Internetcafé; mit welchem Bus man wo landet, wo und wie man am besten in die Busse rein- und auch wieder rauskommt, und vor allem, wieviel diese Busfahrt WIRKLICH kostet; die größeren Supermärkte, den chaotischen, bunten "Cerres" (wahrscheinlich wären wir sonst NIE auf diesen Markt gegangen...); was an den Straßenständen schmeckt, was eher nicht; Incakola, Cerveza negra oder rubia, Arroz chaufa, Aeropuerto, mit Suppe, ohne Suppe, Canchitas, Emuliente, Pisco...

Und mitten drin wir, mit staunend großen Augen, damit beschäftigt die ganzen neuen Eindrücke aufzunehmen und zu verarbeiten.

Dass es schon mal vorkommt, dass plötzlich ein Kolibri an den Köpfen vorbeischwirrt, dass ein kleines Erdbeben alles wackeln lässt, dass an jeder Straßenecke mindestens ein Hund liegt und seinen Mittagsschlaf hält, dass die Musik der Diskotheken in Santa Clara einem am Wochenende den Schlaf raubt, dass Weihnachtsstern, oder Benjaminbäume hier nicht nur zierliche Topfpflanzen sind, dass man überall etwas zu kaufen angeboten bekommt, und dass man zur Dämmerungszeit im Centro lieber nicht auf der Wiese liegen sollte, wenn man nicht als Moskito-Hauptgericht enden möchte...

Auch am Schulalltag nahmen wir gleich Teil. Da zunächst noch Sommerferien waren, hatten wir ohnehin einen sanften Einstieg und konnten uns erst selbst etwas mehr einleben und beim Spanischunterricht unsere Sprachkenntnisse verbessern, bevor die Schule wieder losging.

Daneben standen an den langen Wochenenden gemeinsame Ausflüge auf dem Programm, bis sich Tobias und Christina nach einiger Zeit auf die Reise machten und wir Verstärkung durch Heike erhielten, die bereits ein Jahr lang in Südamerika unterwegs war. Später konnten wir auch Diemuth am Flughafen abholen, die gleich eines der Highlights in der Schule miterleben durfte: Die Feier zum Muttertag, bei der jede Klasse etwas vorführte. Während die Kinder also mit Tanzvorführungen glänzten, war es für uns rasch klar, dass Tanzen für unseren Programmpunkt nicht in Frage kam. So bastelten wir mit den Eltern zusammen "Luftballontiere" für die Kinder, was zwar von viel Geknall, aber auch von viel Lachen und guter Laune begleitet wurde, genossen es mit allen zusammen zu essen und beisammen zu sitzen.

Während unseres ganzen Aufenthaltes faszinierte mich ohnehin die Mentalität der Menschen.
Auch wenn es ganz offensichtlich genügend Probleme gibt in diesem Land, angefangen von der Sauberkeit, den Hygienestandards, bis hin zu der Tatsache, dass auch mitten in der Nacht noch Kinder auf der Straße unterwegs sind um Kaugummis zu verkaufen und dass viele sicherlich nicht immer genügend zu essen haben, so begeisterte mich immer wieder aufs Neue ihre Lebensfreude und ihre unglaubliche Gastfreundschaft.
Wir wurden spontan zu einem Straßenfest unserer Nachbarn eingeladen, zu einem Kindergeburtstag, zum Essen, wann immer man beim Einkaufen war erkundigten sich die Leute, wo wir denn herkommen, fragten, wie es uns gefällt, und natürlich, ob wir denn auch schon Machupicchu gesehen haben.

In unserem letzten Monat bereisten Sonja und ich also noch den Süden Perus, und besichtigten zu guter Letzt natürlich auch noch Machupicchu. Doch bei all den herrlichen Landschaften, von der heißen Wüste, dem kargen Hochland, dem faszinierenden Titicacasee bis hin zu einem unbeschreiblich schönen Aufenthalt im Regenwald, am Ende waren wir schon wieder froh "Zuhause" in Santa Clara zu sein, da wir uns doch so manches mal eine vergleichbare Unterkunft wie unser Zimmer im Centro herbeisehnten, oder auch mal wirklich heißes Wasser zum Duschen.

Wir waren von beiden Hausmeisterfamilien, den Lehrern, Eltern und Kindern so herzlich aufgenommen worden, dass die 4½ Monate, die uns zuerst so lang erschienen, im Nu verflogen waren, und sich bereits der Tag unseres Rückflugs näherte.
Die letzten Wochen waren geprägt davon Abschied zu nehmen, auch wenn wir zunächst noch Marlene im Centro begrüßen konnten, was die letzten Tage nicht nur mit leckerer Milkaschokolade versüßte...

Wie sehr ich mich an diese andere Welt gewöhnt hatte, wurde mir erst so richtig nach unserer Ankunft in Deutschland bewusst.
Ich staunte über die "leeren Straßen" Münchens, über die unglaubliche Sauberkeit, begrüßte noch halb verschlafen die Bedienung im Restaurant mit einem freundlichen "buenas", quittierte mit einem "gracias" den Erhalt meines Essens und konnte mir gerade noch verkneifen dem niesenden Tischnachbarn "salud" zuzurufen.

Während unseres Aufenthalts hatten wir die Möglichkeit bekommen Land und Leute intensiver kennen zu lernen, als wir es bei einer einfachen Urlaubsreise je getan hätten, so dass wir neben zahlreichen Mitbringseln (wenn man den Händlern glauben möchte natürlich alles 100% Alpaka. Wie immer. Oder gar Baby-Alpaka?...) auch unzählige Erinnerungen im Gepäck hatten.
So werde ich z.B. nie den Blick einer Verkäuferin in Santa Clara vergessen, als wir vor ihrem Stand ankamen, bewaffnet mit einer riesigen Wäschewanne, und erklärten, dass wir diese gerne mit großen Bohnen gefüllt hätten. Als wir schließlich auf die Frage was um Himmelswillen wir denn Kochen wollten erklärten, dass die Bohnen nicht zum Verzehr, sondern zur Therapie, zur Förderung der Körperwahrnehmung, dienen sollten, schenkte sie uns gleich noch ein paar Gläser dazu und bedankte sich für unsere Arbeit...

Auch ich bin dankbar die Chance gehabt zu haben all diese Erfahrungen zu machen.
Und wenn ich nun immer wieder gefragt werde, ob ich es wieder tun würde, so bleibt mir nur ein klares "Ja", ein kleines bisschen Fernweh, und der Traum es eines Tages vielleicht wirklich noch einmal tun zu können.

Ingrid Schäffeler

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