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11.Oktober 2007

3. Bericht von Sara Lonja Pallasch

Nachdem ich in meiner Reisezeit mit einer Freundin durch ganz Perú und ein wenig Ecuador getingelt bin, kam ich auch glücklich, wieder ”zu Hause” zu sein, ins Centro zurück.
Hier konnten wir nun eine Woche zu fünft bestreiten, so dass ich gar nicht so viel arbeiten musste bzw. mich vermehrt um Übersetzungen für zukünftige Paten kümmern konnte. Am Ende der Woche gab es dann ein großes Abschiedsfest für Sandra, Jenny, Nora & Anabel. Zunächst wurde mit den Kindern gefeiert, getanzt und Kuchen gegessen, den ein paar von ihnen selbst gebacken hatten. Zum Schluss wurden alle noch einmal in den Arm genommen und sich ein baldiges Wiedersehen gewünscht. Danach gab es Lasagne (natürlich mit von uns selbst hergestellten Nudelplatten aus der Nudelmaschine) zum Abschied von den Lehrern. Am Wochenende gingen wir freilich noch mit Freunden den obligatorischen Abschieds-Pisco trinken.
Nach und nach machten sich dann alle zum Reisen auf, entweder nach Deutschland (die arme Sandra musste sich als erstes von Perú trennen) oder nach Bolivien. Da 2 Wochen Schulferien bevorstanden, konnte ich auch noch einmal wegfahren, wobei es mich mal wieder nach Ica und ins schöne Cuzco verschlug.
Nach den Ferien war ich erstmal alleine für die Therapie zuständig. Um alle Kinder ”unter einen Hut” zu bekommen, therapierte ich viele zu zweit oder vermehrt in der Sportgruppe, wodurch diese leicht chaotisch wurde, aber ansonsten verlief alles normal. Zudem konnte ich ein neues externes Kind aufnehmen: Ela Muriel, gerade mal 8 Monate alt und total süß. Die Mutter war in der Anamnese sehr aufgeschlossen und froh darüber, dass sie über die Probleme ihres Kindes sprechen konnte und dass sie nun im Centro die Möglichkeit hat, ihr Kind zu unterstützen. Da Ela das Katzenschrei-Syndrom hat, ist sie in ihrer sprachlichen und motorischen Entwicklung sehr verzögert, welche in der Therapie gut gefördert werden kann.

In der zweiten Woche kamen Jenny und ihre Freundin “Kirsche” (Karina) vom Reisen wieder, um bald darauf den großen Heimflug anzutreten. 1 Tag vor ihrer Abreise gingen wir noch einmal Lucy besuchen, eine Mutter, die uns schon oft zu sich zum Essen eingeladen hatte. Nachdem wir den von Jenny spendierten Kuchen verspeist hatten, saßen wir noch eine Weile gemütlich mit Lucy und ihren vielen Kindern zusammen und quatschten. Lucy erzählte gerade einen Schwank aus ihrer Jugend und wir lauschten gespannt, wie sie damals den Terrorismus in Ayacucho erlebt hatte, als plötzlich das Haus anfing zu wackeln. Wir blieben einfach am Tisch sitzen, Lucy nahm meine Hand und fing an zu beten und wir starrten entgeistert auf den sich hin und her bewegenden Boden, die wackelnden Wände und das Wellblechdach und warteten. 2 Minuten können doch ganz schön lang sein! Aber das Haus hielt, es ist nicht einmal etwas umgefallen, nur der Strom fiel aus, als wohl ein Strommast umgekippt ist, wodurch ein großes, grünes Licht am Himmel zu sehen war. Dann war der Spuk erstmal vorbei und wir liefen auf die Strasse, wo sich schon die ganzen Nachbarn tummelten. Einige Kinder weinten, die Straßenhunde kämpften miteinander und alle erzählten aufgeregt durcheinander, was sie gesehen und erlebt hatten. Nicht weit entfernt sei sogar ein Haus vom Geröllberg abgestürzt. Lucys Tochter Varinia besorgte Kerzen und nach und nach beruhigte sich alles wieder.
Als wir wieder im Centro waren, bekamen wir noch einige Nachbeben zu spüren, welche aber nur noch ein kurzes Ruckeln verursachten. Wir überlegten noch, ob das Erdbeben überhaupt zu Hause in Deutschland in den Nachrichten kommen würde, als auch schon Jennys Vater anrief, ob bei uns alles O.K. sei. Von ihm erfuhren wir dann die schrecklichen Ausmaße im Süden Perús, wo ich ja erst vor kurzem noch im Urlaub gewesen war und schon so ein kurzes Rütteln gemerkt hatte. Nach dem Anruf ging auch das Telefon nicht mehr und wie immer in solchen Momenten, in denen man wirklich mal sein Handy braucht, ist natürlich der Akku leer! Ja, und ohne Strom kann man es auch nicht aufladen, nech? Meine Familie und Freunde mussten schon ziemlich lang auf eine Nachricht von mir warten, bis das Telefon am nächsten Tag wieder ging und nicht überlastet war.
Wasser und Strom ließen etwas länger auf sich warten, so dass Jenny und Kirsche ihre restlichen Sachen noch im Dunkeln mit ihren ”Bergbau-Lampen” auf den Köpfen packen mussten. Erst kurz bevor die beiden von Marcela zum Flughafen abgeholt wurden, hatten wir auch wieder Licht. Ich wurde später von Rosa und Alberto zum Abendbrot eingeladen und konnte mit ihnen zum ersten Mal nach über 24 Stunden Nachrichten gucken. In dieser Zeit hatte sich die Zahl der Verstorbenen, der Verletzten und der mit zerstörtem Heim schon stark vervielfacht. Traurig!

Eine gute Nachricht gibt es aber auch noch: die nachfolgenden Volontäre haben sich durch die Schreckensmeldungen nicht entmutigen lassen. Als erstes kam die Physiotherapeutin Katharina im Centro an, welche ich schon vom Studium in Hildesheim kannte. Es war sehr schön, nach der Zeit alleine wieder interdisziplinären Austausch und natürlich einfach wen zum Quatschen zu haben :-).
Außerdem brachte Katharina viele Medikamente (vor allem Antibiotika) aus Deutschland mit, welche von ein paar Ärzten aus dem Kinderkrankenhaus in Lima mit nach Pisco genommen werden konnten, wo sie nun den Opfern des Erdbebens zugute kommen.
Ohne sich großartig vom Flug erholen zu müssen, stieg Katharina gleich am Tag nach ihrer Ankunft in den Therapie- und Schulbetrieb mit ein. Und zu ihrem Glück standen bald auch schon 2 besondere Ereignisse an. Zum Einen feierten wir mit dem ganzen Centro den 15. Geburtstag der Schülerin Gabriela nach. Dies ist für peruanische Mädchen ein ganz besonderes Ereignis. So wurde daraus ein großes Fest, welches mit einem Walzer von Gaby in einem wallenden Kleid und dem “Chamberlain” José-Luis in einem schicken Anzug eröffnet wurde. Danach durfte jeder andere Junge (und Jim) einmal mit Gaby tanzen. Es war wie bei einer Hochzeit. Es wurde sogar ein Blumenstrauß geworfen, den allerdings die Jungen auffangen sollten. Edwin war sehr stolz, als er den Strauss erwischen konnte. Gabys Mutter hatte sich viel Mühe für die Vorbereitung der Feier gemacht, für die ganze Schule Essen gekocht und war sehr gerührt, als sie eine kleine Rede für ihre Tochter hielt. Schließlich schnitt sie zusammen mit Gaby noch eine riesige Torte an.

Das andere große Ereignis war die “CHULETADA”, was soviel bedeutet wie: “Schweinefleisch grillen”. Diese Aktion fand am letzten Samstag statt und war ein voller Erfolg. Das Wetter hat mitgespielt, alle Eltern haben mitgeholfen und es konnten über 500 Essen verkauft werden. Jedes Jahr wird hier eine solche Elternaktion durchgeführt. Von den Einnahmen werden Kleidung und Spielzeug gekauft und zu Weihnachten an die Kinder des Centros verteilt.

Letzter Stand im Volontärszimmer: wir haben gerade ”Full House”. Nora und Anabel sind derzeit auf ”Stippvisite” hier; nach Bolivien und Cuzco wollen sie sich nach einer ”Lima-Pause” weiter in den Norden Perús aufmachen. Außerdem sind mittlerweile Monika, eine Ergotherapeutin aus der Schweiz, und Franziska, eine Physiotherapeutin aus Freiburg, eingetroffen. Franzi ist nun schon auf dem Weg nach Cuzco, um dort einen Sprachkurs zu machen. Moni bleibt gleich bei uns in Lima, so dass wir ab jetzt die Therapie zu dritt schmeißen können, bevor mein Abschied langsam, aber doch viel zu schnell naht.
Mal sehen, was uns in meinen letzen Wochen hier noch so spannendes erwartet… :-)

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