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30.September 2009

Abschlussbericht von Susann Köhler

Nun bin ich schon fast zwei Wochen wieder in Deutschland, habe mich langsam an die veränderte Zeit gewöhnt und schon einige gute Freunde und Verwandtschaft besucht. Da ich aber noch nicht wieder voll arbeite, habe ich noch genug Zeit um über die sechs Monate in Perú, in VIDA NUEVA nachzudenken und meine Gedanken auf Papier zu bringen.
Das erste, was mir einfällt, wenn ich an VIDA NUEVA denke, sind die Kinder. Es sind ja so viele und alle haben sie ihre Eigenheiten. Mir hat es großen Spaß gemacht bei jedem Kind die Stärken und die liebevollen Seiten zu entdecken, denn das haben sie alle! Ich denke z.B. an Sophia, die beim Volleyballspielen plötzlich ganz aktiv wurde und übers ganze Gesicht gestrahlt hat, an Marko, der sehr verhaltensauffällig ist aber bei strukturierten Spielen ganz ruhig wurde und super mitgearbeitet hat oder an die kleine Victoria, die stets hoch motiviert durch Bewegungsparcours gekrabbelt ist. Die Arbeit mit den Kindern war, durch das breit gefächerte Alter, die unterschiedlichen Krankheitsbilder, sehr vielfältig!
Als ich nach einem 4wöchigen Spanischkurs in Cuzco (meine absolute Lieblingsstadt Perús!) nach Santa Clara kam, war in dieser Zeit gerade Sra. Marlene mit ihrem Sohn Joshua da. Für meinen Einstieg in die Arbeit und in das Leben im Centro war es sehr hilfreich, dass Sra. Marlene da war. Einer meiner ersten Eindrücke in VIDA NUEVA war das Singen der Nationalhymne am Montagmorgen. Wie diszipliniert die Kinder da in Reih und Glied standen und sangen, jeder so wie er es eben konnte. Als Einstieg in die Woche finde ich dies ein gutes Ritual.
Rafa (Volontär bei VIDA NUEVA und wie ich Ergotherapeut) war bereits da als ich zu VIDA NUEVA kam. Unsere vielen und langen Gespräche über die Kinder, das Zentrum oder Gott und die Welt haben meinem spanisch gut getan und mir oft eine andere Sichtweise auf die Dinge gegeben. Zusammen arbeiteten wir einen Wochenplan für die Therapiekinder aus. Dabei geht ein Dank an die Lehrerinnen, die nie ein Problem damit hatten, wenn ich ihre Kinder aus dem Unterricht in die Ergotherapie “entführte”.
Überhaupt fand ich alle Lehrkräfte und vor allem Sra. Marcela (die Schwester von Sra. Marlene) immer sehr flexibel. Es war kein Problem den Plan mal umzustellen, kurzfristig früher aufzuhören, zwei Kinder gemeinsam in die Therapie zu nehmen usw. Da merkt man schon die perúanische Gelassenheit und Spontaneität! Positiv fand ich auch, dass mir viel zugetraut wurde!
Als dann Katharina (auch Volontärin bei VIDA NUEVA und Sporttherapeutin) dazu kam, machten wir öfter auch Therapien zu zweit (oft mit mehreren Kindern). Das fand ich immer sehr schön und bereichernd! Insgesamt hätte ich mir gewünscht, dass etwas mehr Kommunikation zwischen uns Volontären und den Lehrern besteht. Als mein spanisch mit der Zeit immer besser wurde gab es schon mehr Gespräche, meistens mit Professora Elsa, die ich sehr ins Herz geschlossen habe.

Eine weitere wichtige Person war für mich Sr. Wilber, der Securitymann von VIDA NUEVA. Wir hatten abends immer lange Gespräche, vor allem über seine Zeit in der Selva und haben viel zusammen gelacht. Durch ihn habe ich auch besser erfahren was es heißt aus dem “Campo” nach Lima zu kommen – mit dem Wunsch auf ein besseres Leben. Ein Wunsch, den er mit tausenden in den “Pueblos Jovenes” in den Bergen rund um Lima teilt! Als ich das erste Mal im Haus von Sra. Lucy war, die sich um Renzo (einen Jungen mit Tetraplegie) kümmert, war ich doch sehr schockiert über die Wohnsituation, aber durch die Herzlichkeit von Sra. Lucy und ihren Kindern habe ich mich dort immer sehr wohlgefühlt! Auch die Familie von Sra. Lucy wohnt in den Bergen, etwas außerhalb von Santa Clara.
Ich habe mich oft sehr komisch gefühlt, wenn ich von einem Wochenendtrip wiedergekommen bin oder wenn ich gefragt wurde, wo ich denn spanisch gelernt habe und ich antwortete, dass ich 4 Wochen in Cuzco war. Die Mehrheit der Leute in Santa Clara, kennt typische Reiseziele wie Cuzco, Arequipa usw. natürlich nicht. Auch als ich krank war und ganz selbstverständlich ärztliche Hilfe in Anspruch genommen habe, wurde mir klar, wie käuflich Gesundheit ist. Am deutlichsten ist das an den Zähnen der Leute zu sehen. Zahnstatus = sozialer Status, sozusagen.
Es war ein sehr schönes Gefühl (was ich aus meiner Arbeit in Deutschland nicht in dieser Intensität kannte) diesen sehr armen Kindern Therapie zukommen zu lassen und sie in ihrer Entwicklung zu unterstützen! Traurig machte mich, dass es so oft an passenden Hilfsmitteln für die Kinder fehlt. Zum Beispiel der kleinen Ela, die schon viele Fortschritte gemacht hat seit sie zur Therapie zu VIDA NUEVA kommt, jedoch aufgrund einer Skoliose unbedingt ein Korsett bräuchte aber dies für die Familie einfach zu teuer ist.
Ich denke viel daran, was die Kinder wohl machen, nach der Schulzeit in VIDA NUEVA. Berufliche Integration von Menschen mit Behinderung ist ja weltweit mangelhaft, aber in Perú fehlt da schon noch sehr viel. Eine gute Sache ist, dass nun mit sogenannten “Talleres” (Kurse) begonnen wird, d.h. dass die älteren Kinder handwerkliche und lebenspraktische Dinge erlernen und üben können (z.B. Tische schleifen und lackieren). Sra. Elsa ist oft mit den Kindern in der Küche, wo die Kids lernen Trufas (Pralinen) oder andere Leckereien herzustellen. Sie verkaufen diese anschließend. In den letzten Wochen kam öfter Teophilo, er ist Schreiner und wird sich um die Herstellung von angepassten Stühlen und Tischen kümmern und zusammen mit Rafa mit den Kindern die Talleres durchführen.

Ich war froh, schon drei Jahre gearbeitet zu haben und so Erfahrung in der Therapie von Kindern zu haben! Durch die anfangs fremde Sprache ist es sowieso anstrengender den Kindern etwas zu erklären und mit den Eltern zu sprechen; ich habe mich jedoch immer sicher gefühlt in der Therapiesituation und es war mir auch nicht unangenehm mit den Eltern zu sprechen, auch wenn ich oft dachte “na in deutsch hättest du das jetzt eleganter formulieren können!”. Ich fand es sehr gut, wenn die Eltern mit im Therapieraum waren und zusahen (das betraf die Eltern, deren Kinder nur zu einer Therapieeinheit kamen und nicht in die Schule gingen). Zum einen konnten sie dadurch Anregungen für zuhause mitnehmen und zum anderen wussten sie was ich mit ihrem Kind so mache in den 45 Minuten. Anfangs spürte ich bei einigen Eltern ein bisschen Unsicherheit, das legte sich jedoch dann sehr schnell, da sie an der Therapie teilhaben konnten. Ich war auch froh, dass ich schon Erfahrung hatte, da es in Santa Clara manchmal vorkam, dass Kinder sehr spontan kamen, so dass ich mich nicht vorher vorbereiten konnte.
Eine ganz neue Situation war für mich, dass Arbeit und Privatleben doch sehr nah beieinander sind und sich oft vermischen. Das ist natürlich schon durch das Wohnen im Centro gegeben. Einerseits hab ich es sehr genossen, morgens nicht lange fahren zu müssen, mich nachmittags nach der Arbeit frei im Centro bewegen zu können und wenn ich Lust hatte etwas für den nächsten Tag vorzubereiten, andererseits war es für mich teilweise schwierig mich daran zu gewöhnen. In Nürnberg wussten meine Kollegen nie soviel von meinem Privatleben. Ich habe mir dann jedoch immer gesagt, dass es eine intensive Zeit ist, in der ich in Perú lebe und arbeite und es keinesfalls mit der vorherigen Arbeit vergleichbar ist. Vielleicht auch durch diese Situation, durch das Zusammenleben und “Aufeinander-angewiesen-sein”, sind mir die zwei anderen Volontäre, Katharina und Rafa, sehr ans Herz gewachsen. Wir waren nicht nur Kollegen sondern Freunde und werden bestimmt in Kontakt bleiben. Besonders als ich krank war, haben mich Katharina und Rafa sehr unterstützt, was mir viel geholfen hat! Ich will nicht verschweigen, dass es natürlich eine Umstellung ist, ein Zimmer zu teilen, keine Tür hinter sich zumachen zu können. Und es treffen oftmals, ich denke in unserem Fall war es so, schon sehr unterschiedliche Charaktere aufeinander. Dafür, wie unterschiedlich wir sind, finde ich, dass wir es gut hingekriegt haben!
Das mit beeindruckendenste Erlebnis meiner Zeit in Lima war für mich der “Congreso Latinoamericano de Terapia Ocupacional” – ein Kongress für Ergotherapeuten aus ganz Lateinamerika, der glücklicherweise gerade in diesem Jahr in Lima stattfand, darüber habe ich allerdings schon in meinem ersten Bericht geschrieben. Neben vielen interessanten Informationen habe ich dort sehr nette Leute kennengelernt und es sind schöne Freundschaften entstanden. Insgesamt habe ich in den 6 Monaten so viele herzliche, liebe und teilweise etwas verrückte Leute (im positiven Sinne) kennengelernt, deutlich mehr als in einem halben Jahr in Deutschland! Ich denke an viele lustige Wochenenden zurück, an denen wir Salsa tanzten, durch Barranco zogen oder zu 10t in einem Taxi fuhren! Wenn ich jetzt eine E-Mail aus Lima bekomme, bin ich immer überglücklich und träume schon von meinem nächsten Besuch!
Ich bin sehr glücklich und dankbar, dass ich die Erfahrung machen konnte in Perú zu leben und zu arbeiten, es ist eine Zeit, die ich nie wieder missen will und nie vergessen werde!
Susann

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