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26.Dezember 2009

1.ter Bericht von Sandro Castellana

Liebe Marlene, liebe Leser,

nun bin ich schon drei Monate hier in Perú und die Zeit verging bisher wie im Flug. Umso mehr ist es jetzt höchste Eisenbahn zu berichten, wie es mir geht und was ich so alles erlebt habe in dieser Zeit. Ich hoffe es nimmt keiner übel, dass es so lange gedauert hat.
Für mich war vor allem anfangs schwer die ganzen Eindrücke einigermaßen geordnet in Worte zu fassen. Mittlerweile müsste es mir aber gelingen, denn ich habe mich hier gut eingelebt und die vielen Eindrücke stürzen nicht mehr so auf mich ein, wie am Anfang.

Ich beginne am besten mit ein paar allgemeinen Eindrücken und fange mit der Ankunft am Flughafen an. Nach mehr als 13 h Flug mit Zwischenstop in Sao Paolo kam ich mit meinen zwei Koffern in Lima an. Dort wurde ich von Sr. Marcella Pérez (die Schwester der Leiterin Marlene Pérez Brockert) und von meinen Mitbewohnerinnen Angelika Bengel und Gésine Coutandin (zwei weitere Volontärinnen) herzlich empfangen. So gut wie kein Wort Castellano sprechend, war ich froh, dass Gésine und Angelika mit mir Deutsch sprechen konnten. Und mir schon mal den ersten Crashkurs in Sachen Perú geben konnten.
Mein Erster Eindruck von Lima war, ungefähr so: Viel Lärm, Straßenverkehrschaos, Staub, Wüste und viel Armut. Lima ist sehr, sehr groß und ich konnte mir nicht vorstellen, wie ich mich hier jemals zurecht finden könnte. Das Haupttransportmittel sind wie einige ja wissen Busse und Taxis. Wobei es keine Fahrpläne gibt und man genau wissen muss wo ein Bus abfährt und wo man aussteigen muss. Taxi fährt man am besten und wenn überhaupt nur tagsüber und zu zweit, denn es kann vorkommen, dass man nicht dort ankommt wo man will und dass man danach etwas weniger Gepäck hat. So hat man es mir zumindest erklärt. Ich versuche mal einen dieser Eindrücke etwas näher zu beschreiben, auch wenn manche vielleicht diese Szenen vielleicht sehr gut kennen.
Das Busfahren, weil ich es immer wieder aufs Neue faszinierend finde und es hier ja das Fortbewegungsmittel Nr.1 ist. Die vielen Busunternehmen, die miteinander konkurrieren, was nach sich zieht, dass die Busse immer und überall halten um so viele Leute wie möglich mitzunehmen. Der Schaffner reißt vor jeder Menschenansammlung am Straßenrand die Türe auf und ruft wie von einem Marktstand aus welche Ziele der Bus anfährt. Hat man dann den richtigen Bus gefunden muss man das nötige Kleingeld passend dabei haben, denn der Schaffner quetscht sich während der rasanten Fahrt durch den gesamten Bus und sammelt das Fahrgeld ein. Meistens ist es so eng, dass man nicht umfallen kann, wenn man gerade versucht das Geld aus seiner Hosentasche zu holen und der Bus während dessen eine Vollbremsung macht. Da jeder Bus vermutlich so viel Tagesumsatz wie möglich machen möchte, starten die Fahrer oft sehr abenteuerliche Überholmanöver, damit sie jeweils vor einem anderen Bus an einer bestimmten Stelle ankommen. Während jeder Busfahrt steigen Verkäufer ein, die Kekse, Knabberzeug aller Art und Toffees verkaufen oder aber auch Leute die Lieder singen und um eine Spende bitten. Mir macht das Busfahren immer wieder Spaß, weil man oft auch netten Menschen begegnet, mit denen man sich unterhalten kann und auf fast jeder Busfahrt erlebt man etwas, das man bisher noch nicht erlebt hat.
Ich habe schnell begriffen, dass hier mehr Menschen unter der Armutsgrenze leben, als ich mir es bisher vorgestellt habe. Es gibt hier viele Kinder, die auf der Straße Süßigkeiten verkaufen, oder um Geld betteln, was mich immer besonders berührt. Leider sind hier Diebstähle und Überfälle weit verbreitet und man sollte sich als Europäer nicht unbedingt in Gegenden aufhalten, die “ab vom Schuss” sind. Ich kleide mich deshalb immer eher unscheinbar und fühle mich dabei wohler, wenn ich in Gegenden bin, die etwas düster sind. Manche haben vielleicht mitbekommen dass Rafa Fuentes (Anm.: eine Volontär – Ergotherapeut – aus Spanien, siehe auch Rundbrief Dezember 2009) überfallen wurde, dies hat uns alle ziemlich betroffen gemacht. Ich war nun schon des Öfteren in einem der Pueblos Jovenes, oder auch in anderen Gegenden in die es Touristen normalerweise nicht hinzieht und stelle fest, dass es unabdingbar ist dort gewesen zu sein, um Lima wirklich begreifen zu können. Ich möchte Perú bzw. Lima mit allen seinen Facetten kennenlernen und halte mich deshalb auch so weit es sich vermeiden lässt fern von Orten wie Larcomar oder Jockey Plaza (Anm.: die “besseren Viertel” Limas ähnlich denen in Deutschland wie z.B. der Königsalle in Düsseldorf oder Kudamm/Unter den Linden in Berlin). In den ärmsten Vierteln von Lima habe ich schon viele nette Leute getroffen und die Begegnungen dort haben mich sehr bereichert.
Ich habe in der Anfangszeit auch einige andere Einrichtungen kennenlernen können, was ebenfalls sehr interessant war. Also kann man sagen, dass es mir keinesfalls langweilig wurde.

Nun wird es aber Zeit, dass ich etwas von den Vorgängen in VIDA NUEVA erzähle.

Ich hatte ja fast drei Wochen Intensivsprachkurs mit jeweils vier Stunden pro Tag gemacht und glücklicherweise machte ich - meinem Italienisch sei Dank - schnell Fortschritte. Trotz allem war es ziemlich anstrengend, aber zugegebenermaßen auch nötig. In den 3 Wochen des Spanischlernens hatte ich auch genügend Zeit mich hier einzugewöhnen und sehr nette Menschen außerhalb kennen zu lernen, die mir auch behilflich waren mich in Lima zurecht zu finden. Aber auch von innerhalb des Zentrums habe ich von Gésine und Angelika Hilfe bekommen um in den ersten Wochen hier Fuß zu fassen. Beide haben ihr Volontariat mittlerweile beendet und haben sich auf Reise begeben. Ihnen wünsche ich an dieser Stelle alles Gute und ein erlebnisreiches Reisen. An dieser Stelle möchte ich auch noch kurz vermerken, dass ich mittlerweile zwei neue Kolleginnen aus Deutschland begrüßen durfte. Herzlich willkommen Tine (Christine Golz) und Johanna Wagner! Ich freue mich auf die zukünftige Zusammenarbeit mit Euch!!!
Als ich anfing hier zu arbeiten war es teilweise noch etwas schwierig mich den Kindern und/oder ihren Eltern mitzuteilen. Nun ist es aber größtenteils Routine, dass der Alltag hier mit Castellano bewältigt wird und ich kann mich mittlerweile gut verständigen. Ambulante Kinder kamen bisher immer dienstags, mittwochs und donnerstags.
Unter den externen Kindern waren einige mit angeborenen, neurologischen Schädigungen, was für mich ein vertrautes Arbeitsfeld war und mir auch Freude machte zu behandeln. Für die Zeiten in denen keine ambulanten Kinder kamen hatte ich die Freiheit die Arbeit so zu gestalten, wie ich es wollte und für richtig erachtete. Ich habe mir schließlich Kinder aus den Klassen ausgesucht, bei denen ich Therapiebedarf gesehen habe oder welche, die mir die Lehrer vorgeschlagen haben. Meistens habe ich die Schüler in Zweiergruppen behandelt. Ich veranstaltete für jede Klasse ein oder zwei mal pro Woche “Musiktherapie” wie ich es nannte, was aber nichts anderes war, als dass wir spielerisch musizierten und rhythmische Übungen machten. In den letzen Wochen übte ich zusammen mit Tine und den Kids dann auch peruanische Weihnachtslieder ein, die wir dann zur Weihnachtsfeier den Eltern in einem großen Chor vorgetragen haben. Es war ein tolles Erlebnis und machte großen Spaß, auch wenn es beim Einüben manchmal etwas chaotisch war. Im Vordergrund standen jedoch immer und vor allem das Gruppenerlebnis, soziale Interaktion und der gemeinsame Spaß. Zusammen mit Tine habe ich die letzten Montage auch eine Kochgruppe veranstaltet, was ziemlich toll war. Vom Einkaufszettel schreiben über Einkaufen auf dem Markt mit anschließendem Kochen und hinterher Abspülen haben die Kinder sehr motiviert mitgemacht und wir hatten jede menge Spaß.
Meine aller größte Aufmerksamkeit während der vergangenen Wochen sollte trotz der anderen Aktivitäten den Jugendlichen im Centro gelten. Wie auch mein Vorgänger Rafa, sah auch ich die Notwendigkeit, mehr für die Schüler anzubieten, welche bald bzw. in nicht all zu ferner Zukunft in das Arbeitsleben eintreten werden. Dabei meine ich ein ergotherapeutisches Programm, dass gezielt Fähigkeiten fördert, die für die Anforderungen an einer Arbeitsstelle benötigt werden. So zum Beispiel Teamfähigkeit, Ausdauer, Frustrationstoleranz, planerisches Denken, Kommunikation, Problemlöseverhalten, selbständiges Arbeiten, handwerkliche Grundtechniken, um nur ein paar wenige fachlich Beispiele zu nennen. Im weitesten Sinne sollte es um eine grobe Orientierung für die Jugendlichen gehen und dass diese eine Vorstellung bekommen sollten, was sie später einmal machen könnten. Hierbei spielt auch die Motivation eine große Rolle und dass der Jugendliche sich als Individuum erlebt, welches bestimmte Fähigkeiten an sich entdeckt, für die er von seiner Umwelt ein positives Feedback bekommt. Ich hoffe ich drücke mich nicht allzu fachsimplerisch aus.
In den Monaten Oktober und November fanden auch Treffen mit den Eltern statt, in denen es darum ging über die Therapien mit ihren Kindern zu sprechen. Darunter waren auch Infoveranstaltungen für eben gerade die Eltern der Jugendlichen um die es im Projekt gehen sollte von dem ich nun berichten werde.
Rafa hatte mich ja mit dem neu festangestellten Ergotherapeuten bekannt gemacht und wir haben ihm von unseren Ideen erzählt über die ich mich auch schon mit Rafa ausgetauscht hatte. Er verfolgte schon vor meiner Ankunft ähnliche Ideen. Sein Vorschlag war es hier im Centro einen peruanischen Ergotherapeuten einzustellen und ihm ist schließlich auch die Finanzierung einer Ergostelle zu verdanken, weil er in Spanien einen Spendenkreis mobilisieren konnte.

Nun aber zum Konzept selbst. Der neue Ergotherapeut, glücklicherweise mittlerweile auch Tine und ich arbeiten jeweils dienstags und donnerstags von 14 – 17 Uhr Nachmittags mit den insgesamt 16 Jugendlichen. Dabei möchten wir möglichst unterschiedliche Materialien heranziehen, mit denen sie Erfahrungen sammeln können. Für uns war von Anfang an wichtig, die Selbstbestimmtheit jedes einzelnen in den Vordergrund zu stellen und zu vermitteln, dass zwischen den Angeboten die Freiheit besteht selbst zu wählen. Wir möchten Persönlichkeiten fördern, die sich selbst ausdrücken können und ganz genau sagen können, was sie wollen und was nicht und dies auch begründen können. Wir zwingen auch niemanden mitzuarbeiten und lassen dem einzelnen die Freiheit, wenn er sich aus dem Gruppengeschehen ausklingt. Wir möchten dass jeder Jugendliche aus eigenem Antrieb heraus mitarbeitet und wenn er das nicht tut, dies auch begründen lernt. Wir vermitteln ganz deutlich, dass bei jedem einzelnen die Verantwortung für die Gruppe liegt. Wir beginnen und beenden jeden Nachmittag mit einem Spiel, das im positiven Sinn Einfluss auf die Gruppendynamik nehmen soll. Wenn zum Beispiel keine Zeit mehr übrig ist am Ende um zu spielen, weil es z.B. sehr lange gedauert hat bis alle gekommen sind sofern man sie gerufen hatte oder ruhig wurden, damit man was erklären konnte, gaben wir hierfür immer die Verantwortung zurück in die Gruppe.
Bisher gab es zwei unterschiedliche Arbeitsgruppen. Einen Gartenworkshop und einen Keramikworkshop. Dies sind zwei völlig offene und sehr unstrukturierte Tätigkeiten schon von ihrer Natur her und erlauben viel gestalterische Freiheit. Obwohl gleich zu Anfang der Gedanke da war, die Sachen, welche in der Projektarbeit hergestellt werden für Vida Nueva zu verkaufen, hat sich sehr schnell gezeigt, dass im Falle der Jugendlichen zu aller erst der Prozess und nicht das Endprodukt im Vordergrund stehen sollte. Wir haben festgestellt, dass die allermeisten der Jugendlichen eigentlich nur Dinge tun und lernen, weil man ihnen sagt, dass sie es tun sollen. Es fehlt aber meistens jegliche Vorstellung wofür sie etwas tun sollen und die Motivation liegt ganz oft außerhalb des Kindes. Kein Kind konnte zu Anfangs ausdrücken, warum es bestimmte Dinge oder Tätigkeiten mag oder nicht mag. Wir praktizieren nach jedem Nachmittag eine kurze Feedbackrunde in der jeder etwas zum Ablauf des Nachmittags sagen kann. Damit taten sich die Jugendlichen besonders schwer und dies hat uns mitunter auch gezeigt, dass wir erst mal andere Ziele fokussieren sollten und unsere Anforderungen sehr weit nach unten schrauben müssen.
Wenn wir es schaffen, dass die Jugendlichen feststellen, dass sie selbst bestimmt sind und durch ihr Handeln ihre eigene Zukunft gestalten können, haben wir eines unserer wichtigsten Ziele in dem Projekt erreicht.
Wie hat sich die Gruppe bisher entwickelt? Zu Anfangs war alles etwas Chaotisch. Die Kids waren es nicht gewohnt mit so viel Freiheit umzugehen. Was ich bisher sah war, dass die Gruppen nur mit sehr viel Strenge funktionieren. Da wir aber unserer Gruppe mehr Eigenverantwortung in die Hand geben wollten, war es eigentlich vorprogrammiert, dass es erst mal sehr holprig werden wird. Mittlerweile ist es jedoch viel disziplinierter geworden, da die meisten nun realisiert haben, dass es hier um sie geht und dass die Gruppe und die Arbeit sowohl ihnen, als auch uns Therapeuten Spaß macht. Wir haben beobachtet, dass sich die einzelnen nun viel besser als Teil der Gemeinschaft identifizieren und es herrscht oft eine sich gegenseitig stützende und besser respektierende Atmosphäre als am Anfang. Die Resonanz der Eltern war zu Anfang Teils skeptisch und Teils mit sehr hohen Erwartungen, da sie erwarteten ihre Kinder würden nach den Wochen vor den Ferien völlig vorbereitet sein für das Arbeitsleben. Leider kochen wir Therapeuten aus Deutschland aber auch nur mit Wasser und das ganze ist ja wie bekannt ein Pilotprojekt welches sich noch weiterentwickeln und an vielen Stellen verbessern muss.
Just heute haben wir bei einer Abschlussklausur mit den Eltern von unserem Projekt berichtet und wie sich die Gruppe bisher entwickelt hat. Es war schön zu sehen, dass die Eltern mittlerweile sehr einverstanden waren mit unserer Methode und auch bei der Weihnachtsfeier als wir den Eltern Bilder und einige Werkstücke gezeigt haben, waren sie sehr positiv beeindruckt.
Wir freuen uns, dass das das Projekt in den Ferien zumindest für fünf weitere Wochen weiterlaufen wird.

Aussichten:

- Wir werden das Projekt den ganzen Peruanischen Sommer, sprich in den Sommerferien weiterlaufen und reifen lassen.
- Zukünftige Volontäre könnten sich mitunter um das Projekt weiter kümmern und der Ausblick könnte sein, dass die Kinder Dinge herstellen, welche zu verkaufen wären.
- Wir könnten kleinere arbeiten von außerhalb holen, wie wohl auch früher teilweise schon gemacht und die Jugendlichen könnten hier Arbeitsschritte gegen einen symbolischen Lohn von anderen Betrieben tätigen. Wie es in diversen anderen Einrichtungen in Lima schon der Fall ist.
- Wir könnten mit einzelnen Kindern eine Besichtigung in Betrieben vornehmen, wie wir es z.T. Schon angefangen haben um die Jugendlichen zu motivieren. Wir waren schon zweimal bei einem Töpfer Namens Emiliano und haben uns angeschaut, wie er arbeitet. Marcella hat Kontakte zu einer Bäckerei in der zwei Ehemalige arbeiten und stellt auch eine tolle Option dar.
- Wir könnten für einzelne sogar ermöglichen an einem Arbeitsplatz zu hospitieren um nicht zuletzt vielleicht sogar einen Arbeitsplatz vermitteln zu können.
- Leider fehlen hier im Centro viele Werkzeuge um zum Beispiel Holz zu bearbeiten, Gartenarbeiten zu tätigen, oder zu Töpfern. Umso erfreulicher ist es, dass sich die Leute aus meinem Jungscharleiterteam dazu entschieden haben das Geld, das bei unserem diesjährigen Fußballturnier anfallen wird an VIDA NUEVA weiter zu geben. Natürlich ist es mir ein Anliegen, dass wir das Geld auch in ausreichendem Maß für unser Projekt benutzen können.

Liebe Marlene, ich möchte dir sagen, dass ich sehr froh bin hier zu sein und ich bin sehr dankbar, dass meine Arbeit hier im großen und ganzen geschätzt wird trotz der kulturellen Unterschiede und teilweise unterschiedlichen Ansichten in fachlichen Fragen. Ich freue mich auf die verbleibende Zeit hier in Lima.

Muchos saludes de Sta. Clara
un abrazo y FELIZE NAVIDAD

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