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28.April 2010

Abschlussbericht von Sandro Castellana

Liebe Marlene, liebe Freunde von VIDA NUEVA,
hier sitze ich nun am PC und kann es kaum fassen, dass es nun soweit ist mich zu verabschieden. Die letzten drei Monate sind wie im Flug vergangen und nun bleiben 2 Nächte bis ich die Heimreise antreten werde.
Es war eine erlebnisreiche Zeit und ich werde viel aus ihr mitnehmen können und hoffentlich auch ein bisschen von mir zurücklassen. Perú ist ein Land der Extreme. Es gibt viele Dinge, die sich gar nicht richtig in Worte fassen lassen und wenn ich es versuchte, würde ganz ungewollt nicht derselbe Eindruck entstehen, den ich gerne vermitteln würde. Hier gibt es so viel Unglaubliches aus Natur und Kultur aber gleichzeitig so viele Zeugnisse des Leids aus früherer und heutiger Zeit. Auch wenn Perú längst unabhängig ist von Spanien, der Kolonialismus in der Wirtschaft geht weiter. Nestle ist allgegenwärtig und Nescafe scheint der meist verkaufte Kaffee zu sein. Es scheint als ob alles mit dem sich in Perú Geld machen lässt sich in fremden Händen befindet. Ein Land das begünstigt durch sein vielfältiges Klima und seine Bodenschätze eigentlich alles hat, aber durch Korruption und durch die materielle Gier einer Oberschicht und durch die Ausbeutung von Industrieländern nicht die Möglichkeit bekommt einen Weg aus seinem Dilemma zu finden. Und dennoch – viele arme Menschen, die ich kennengelernt habe und von einem besseren Leben träumen, sind trotz allem zufriedener und gelassener als manch einer von uns. Dies hat mich immer wieder beeindruckt und mir vor Augen geführt welch hohen Standard wir eigentlich in Deutschland gewöhnt sind - nicht zuletzt auf Kosten anderer Länder. Um aber alle Sachverhalte und Gründe zu verstehen, warum es hier so ist, wie es ist, reichen 8 Monate (habe meinen Aufenthalt ja quasi ums doppelte verlängert) dennoch nicht aus. Ich bin dennoch froh wenigstens eine Ahnung bekommen zu haben was es bedeutet hier in Perú aufgewachsen zu sein und hier zu leben und wie die groben politischen Zusammenhänge sind. Dies hat umso mehr mein Interesse an diesem Land geweckt und wird mich wohl noch lang beschäftigen.
Nun aber zu dem, was sich in den letzten Wochen und Monaten hier im Centro VIDA NUEVA ereignet hat. Seit Januar sind wir Volontäre hier zu viert, d.h. zwei Physiotherapeutinnen (Johanna Wagner und Steffi Weisser) eine Heilerziehungspflegerin (Tine Golz) und ich als Ergotherapeut. Zwischendrin war noch eine fünfte Volontärin Namens Vera (auch Ergotherapeutin) da, die aber leider nur für kurze aber wertvolle Zeit mitarbeitete. Von Ende Dezember und bis Mitte März war hier zwar kein Schulbetrieb, weil Sommerferien waren, aber es gab ein Ferienprogramm, welches wir für einige Schüler vorgesehen haben. Ziel war es zum einen mit den älteren Schülern an dem Projekt weiter zu arbeiten, von dem ich im letzten Rundbrief schon berichtet habe und zum anderen wollten wir für die Jüngeren ein Förderungsangebot bieten, welches kreative Tätigkeiten, wie Malen und Stempeldruck aber auch Kochen, Spielen und Musizieren beinhaltete. Zusammen mit Tine, arbeitete ich mit den Jugendlichen weiter an dem Garten, den wir zusammen mit Manuel, dem peruanischen Ergotherapeuten angefangen haben. Leider hat uns dieser unangemeldet verlassen, was für alle etwas Überraschend und zu gleich etwas verärgernd war, weil er für den Zeitraum in den Ferien fest eingeplant war um externe Kinder zu behandeln, welche zusätzlich ins Centro kamen. Somit galt es zusätlich sich um jene Kinder zu kümmern, welche nur zur Therapie kamen. Auch wenn mit Vera glücklicherweise noch eine zweite Ergotherapeutin da war, hatte es leider trotzdem die Folge, dass wir nicht alles umsetzen konnten, wie wir es ursprünglich geplant hatten und wir mussten uns auf die Arbeit mit dem Garten reduzieren, da Tine zusammen mit Johanna und Steffi auch noch die jüngere “Kreativ” Gruppe mitbetreute. Ursprünglich wollten wir noch eine zweite Tätigkeit anbieten um das Förderungsangebot etwas vielfältiger zu halten und um eine Alternative für diejenigen zu bieten, welche nicht so viel Spass an Gartenarbeiten hatten. Trotz der anfänglichen Umstände und Verwirrungen – die das Ausbleiben Manuels zur Folge hatte, sind wir aber sehr froh, wie gut dann doch alles geklappt hat. Zum einen war die Gruppe kleiner als anfänglich angenommen und zum anderen stellte sich heraus, dass die Gruppe eine sehr tolle Dynamik entwickelte. Wir konnten zusehen, wie sich die einzelnen Jugendlichen mit dem Garten indentifizierten und es als gemeinsames Werk betrachteten. Es war vor allem schön zu sehen, wie sich einige der Gruppe um die ”Schwächeren” annahmen und diese unterstützten. Jeder Jugendliche mit seiner Einzigartigkeit hatte somit seinen Platz in der Gruppe. Während des Projektes lernte jeder einzelne mehr und mehr Verantwortung für die Gruppe zu übernehmen und sein Erlebtes und Empfundenes in der Gruppe auszudrücken. So gestalteten wir zusammen ein Kräutergärtle (Kräutergarten für alle Nichtschwaben) in Spiralform und bauten einen Holzzaun, damit ungebetene Gäste wie unsere Hausschildkröte Toni sich vom Salat fernhalten. Es stellte sich mehr und mehr heraus, dass die Projektarbeit den Schülern gut tat und mehr und mehr wuchs das Bewusstsein im Centro, dass es für die Jugendlichen wichtig wäre, weieterhin so mit ihnen zu arbeiten, wenn das neue Schuljahr beginnen würde. Wir sind deshalb froh, dass sich mit Elsa und Liz ein sehr gutes Lehrerteam gebildet hat, die nun die Jugendlichen unterrichten und welche die Arbeit auf ähnliche Arbeit fortführen werden. Tine hat mit den Schülern zusammen einen Giessplan erstellt und somit wurde für jeden Tag sichergestellt, dass die Pflanzen auch genügend Wasser bekommen. Elsa wird sich von jetzt an weiterhin mit den Kindern um den Garten kümmern. Und zusammen mit ihr haben sie auch schon Kräuter geerntet und getrocknet und verwendet. Das freut mich sehr, besonders weil Marcela bisher immer noch keinen Ersatz für Manuel gefunden hat. Ebenfalls positiven Einfluss auf unser Anliegen mit den Jugendlichen in Form von Arbeitsgruppen zu Arbeiten, hatte die Neueinstellung einer Schulpsychologin, welche in meinen Augen sehr gute methodische Ansätze propagiert. Zusammen mit zwei ebenfalls neu eingestellten Kollegen hat sie, um es an dieser Stelle nur kurz zu erwähnen, vergangene Woche eine Elternschulung. Die Eltern haben diese Veranstaltung wie mir scheint sehr dankbar angenommen.
Noch etwas erfreuliches: Marcella Peréz (die Administratorin) hatte die Idee hier hier im Centro auch ein Brotbackworkshop anzufangen und es wurden Überlegungen zur Beschaffung eines Ofens gemacht welcher nun auch gekauft wurde!! Wie schon im letzten Brief berichtet, gingen die Spenden des diesjährigen Fussballturniers der Mössinger Bubenjungschar (meine Heimatgemeinde) an VIDA NUEVA, mit dem Zweck die allernötigsten Mittel zu beschaffen, welche nötig sind um mit den Schülern ein selbständigkeits- und berufsorientiertes Training gestalten zu können. Bisher hatten wir nur sehr wenige Werkzeuge und Hilfsmittel zur Verfügung und mussten immer wieder improvisieren, aber das wird sich nun ändern, weil wir nun in der Lage sein werden uns etwas besser auszustatten. Ein Teil des Geldes wurde schon überwiesen. Mit Lehrerin Elsa war ich schon unterwegs um die nötigsten Küchenutensilien zu besorgen. Desweiteren konnten wir einige Garten- und Holzwerkzeuge anschaffen. Was jetzt noch übrig ist, werde ich dem Centro anvertrauen um noch weitere nötige Anschaffungen machen zu können. Das Centro VIDA NUEVA und ich sind der Bubenjungschar der EmK Mössingen und allen Kindern, die beim Fussballturnier mitgemacht haben und natürlich den Sponsoren überaus dankbar! Wie man sieht kann man mit diesem Geld hier in Perú ziemlich viel anfangen.
Mit Geld allein ist es jedoch wie immer nicht getan. Es ist darum besonders schön noch miterleben zu dürfen, was für eine tolle Arbeit Profesora Elsa und Liz leisten und wie die gekauften Dinge nun schon fleissig im Einsatz sind. Zweimal pro Woche wird nämlich gekocht und die Schüler verkaufen das Essen an Lehrer und Volontäre und refinanzieren somit ihre Ausgaben. Gleichzeitig üben sie dabei den Umgang mit Geld. Es wird spannend sein, mitzuverfolgen wie sich nun die ganze Sache weiterentwickeln wird und wie das Backprojekt weiter geht. Der Ofen kam jeden Falls heute an und steht ungeduldig bereit. Unsere Vision ist es, die gebackenen Sachen in Sta. Clara zu verkaufen, wenn sich erstmal alles eingespielt hat.
Als letztes haben die Grösseren mit mir zusammen einen Komposthaufen aus Holz angelegt. Es war dringend notwendig, da die Erde im Garten ziemlich Nährstoffarm ist und die Pflanzen nicht so richtig wachsen wollten. Aber immerhin haben wir schon Tomaten und Karotten geerntet.
Ich hatte noch so viele Ideen, die ich hier noch umsetzen wollte, aber leider bin ich nicht mehr dazu gekommen sie zu verwirklichen und die Zeit ist mir davongerast. Nun werde ich bald Perú – Lima - Sta. Clara - die Avenida Simón Bolívar 270 und somit das Centro VIDA NUEVA verlassen. In Gedanken werde ich aber wohl noch lange hierbleiben und gespannt sein, wie die Arbeit hier fortgeführt werden wird. Hier im Centro weht gerade ein frischer Wind, der bisher schon viele positive Veränderungen hervorgebracht hat und ich hoffe, dass dieser Wind länger anhält, wohlwissend, dass in Perú die Dinge manchmal anders laufen als zuvor gedacht, gesagt oder gemacht. Am Montag haben wir zusammen unseren Abschied mit den Kindern und Lehrern gefeiert und es war sehr schön noch einmal mit allen zusammen zu lachen zu tanzen und zu spielen auch wenn man an uns Volontären eine gewisse Wehmut nicht übersehen konnte. Wir waren ein tolles Team und wenn auch sehr unterschiedlich und nicht immer ganz ohne Probleme haben wir viel zusammen erlebt und sind uns gegenseitig ans Herz gewachsen.
Ich möchte noch einmal all denjenigen meinen Dank aussprechen, die mich in diesem Abenteuer Perú unterstützt haben und möchte sagen, dass ohne die vielfältige Mithilfe von jedem einzelnen es mir nicht möglich gewesen wäre, Hilfe in VIDA NUEVA zu leisten. “Es kommt in der Welt vor allem auf die Helfer an – und auf die Helfer der Helfer.” Mit diesen von mir schon mal zitierten Worten von Albert Schweitzer verabschiede ich mich von Euch und und freue mich schon auf viele altbekannte Gesichter, die ich bald wieder sehen werde und auch vermisst habe. Ich gehe aber auch mit dem Bewusstsein, manch andere Menschen, die ich hier ins Herz geschlossen habe, vielleicht nie wieder zu sehen. Denjenigen, die hier in Perú bleiben, weil sie hier leben, arbeiten oder in die Schule gehen wünsche ich viel Kraft und Zuversicht für ihren weiteren Lebensweg - es sind wahre Lebenskünstler unter ihnen mitten im getöse Limas. Auch ihnen gilt mein Dank, weil sie mich ein Stück meines Lebens begleitet haben und weil sie mich geprägt und mir gezeigt haben wie vielfältig das Leben und jeder von ihnen einzigartig ist.

La bendición de Dios con ustedes – Gottes Segen mit Euch!
Sandro

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